Bellow, Saul: Herzog
- Geschrieben von Juliane Paech
„Dear Herr Nietzsche…“ - Briefe eines kleinen Mannes
Saul Bellow, einer der wichtigsten jüdisch-amerikanischen Autoren der Gegenwart, bildete laut Philip Roth zusammen mit William Faulkner das „Rückgrat der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts“. Sein Werk besticht durch Originalität und Authentizität, einige seiner Geschichten tragen autobiographische Züge. Im Jahr 1976 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Der Roman Herzog (1964) gilt als sein Hauptwerk.
Dieser Roman erzählt die Geschichte von Moses E. Herzog. Dieser verkörpert nicht nur die Geschichte eines Juden in Amerika und den gescheiterten Ehemann und Familienvater, sondern verleiht auch der deutlich spürbaren Krise des Individuums eine Stimme. Viele Fragen, die Bellow mittels der Figur Herzog stellt, sind Fragen an den Fortschritt und die Zivilisation. Herzogs Scheitern spiegelt den Konflikt des Individuums seit der Moderne wider.
Das Buch beginnt mit den Worten: „Wenn ich den Verstand verloren habe, soll's mir recht sein, dachte Moses Herzog.“ Mit diesem unvermittelten Einstieg gerät der Leser direkt in die aufreibende Darstellung von Herzogs Leben und dessen Gedankenwelt hinein. Durch die Perspektivübernahme erlebt der Leser die Welt aus Herzogs Sicht. Eine gewisse Unzuverlässigkeit des seelisch labilen Erzählers scheint so immer wieder durch. Dieser erste Satz ist ein Ausblick auf das, was Herzog und den Leser am Ende der Geschichte erwartet: die Momentaufnahme eines unruhigen Geistes. Dieser Vorausschau folgt der Blick zurück in Herzogs Vergangenheit und Kindheit.
Herzog ist kein self-made man, der Geschäftssinn fehlt ihm und der finanzielle Erfolg bleibt aus. Er geht vielmehr in der Welt der Wissenschaft und Philosophie auf. Seine Arbeiten zur Romantik scheinen in der Fachwelt sogar Anerkennung gefunden zu haben. Sein Privatleben gestaltet sich unstet und unkonventionell. Seine erste Frau Daisy, mit der er einen Sohn hat, verlässt er für die eigensinnige Madeleine. Sie wird seine zweite Frau und er bekommt auch mit ihr ein Kind, eine Tochter. Doch sie verlässt ihn für seinen besten Freund.
Herzog bleibt nur noch der Rückzug in seine Wut, Fassungslosigkeit und Trauer. Herzogs Geschichte beschreibt einen Leidensweg. Ganz symptomatisch dafür ist auch seine Suche nach einer psychischen Erkrankung, die seinen Zustand erklären soll. Fast hat man das Gefühl, diese Krankheit wäre für ihn eine Befreiung oder Erlösung, zumindest die Erklärung für das Unglück, das ihm widerfahren ist. Sein Charakter ist gezeichnet durch eine innere Zerrissenheit. Er steht im Widerspruch mit sich. All seinen Gefühlen und Gedanken verleiht er in Briefen Ausdruck, die er niemals abschickt – manchmal nicht einmal niederschreibt. Er schreibt an Lebende und Tote, an Bekannte und Unbekannte. Diese Briefe scheinen wie eine Art Abrechnung – das Unausgesprochene, Unterdrückte und Verdrängte findet endlich einen Weg. Die Briefe werden zum Mittel der Auseinandersetzung mit sich und der Welt. So bilden sie fast einen eigenen Erzählstrang innerhalb der Geschichte, die langsam auf ihren Höhepunkt zusteuert – und wie tragisch ist es, dass diese Klimax wahrscheinlich den Tiefpunkt in Herzogs Leben darstellt.
Das Buch endet damit, dass Herzog vor einem weiteren kritischen Punkt in seinem Leben steht: Nach einem Unfall zieht sich Herzog in ein abgelegenes Landhaus zurück. Der Unfall symbolisiert seinen bevorstehenden geistigen Kollaps. Auf der einen Seite scheint Herzog erschöpft und verwirrt, gar entwurzelt. Auf der anderen Seite ist er unruhig und umtriebig. Herzog könnte sich angesichts des sozialen Drucks, der auf ihm lastet, zurückziehen, ganz verschwinden, wie er es am Anfang der Geschichte angedeutet hatte. Die Frage bleibt offen, denn das Buch endet im wahrsten Sinne ohne Worte. Herzogs Gedankenstrom versiegt, er hat keine Worte für seine zerrüttete Gefühlswelt, keine Briefe, keine Nachrichten mehr. Das Ende erscheint in einer merkwürdigen Stille, die allem bisher Gesagten entgegensteht und es in Frage stellt.
Bellow ermöglicht dem Leser einen Einblick in Herzogs Gedankenwelt. So kann der Leser auch die eigene Situation mit der Herzogs vergleichen. In der Kakophonie von Herzogs Gedanken bringt er die amerikanische und die europäische Perspektive zusammen. Das Konfliktpotenzial dieser Begegnung spiegelt sich in Herzogs Zerrissenheit wider. Als jüdischer Intellektueller in den USA ohne religiösen Rückhalt sucht er einen Weg für sich im kräftezehrenden Gefecht des Alltags. Bellow macht diesen Kampf für den Leser spürbar in der Rahmenhandlung, die Herzogs Geschichte erzählt, und in den darin eingebetteten Briefkommentaren. Die kritische Auseinandersetzung mit Strömungen und Denkern der Zeit – in Form von Herzogs Briefen – ist durchaus gelungen und originell. Doch der dynamische Erzählstil verlangt dem Leser an einigen Stellen viel ab: Ausblicke und Rückblicke, die verschachtelte Erzähl- und Gedankenstruktur und natürlich auch die vielen Querverweise, die ein breites Hintergrundwissen beim Leser voraussetzen, um gänzlich verstanden zu werden. Der wenig handlungsorientierte Erzählstil kann die Rezeption auch erschweren. Ebenso führt die undurchsichtige Entwicklung von Herzogs Geisteszustand, die sich wie eine Spirale abwärts zu drehen scheint, dazu, dass die Reflexion über das von Herzog Gesagte und Gedachte zum Ende hin schwerer fällt. Er scheint emotional stabiler zu sein, zumindest denkt er das, doch wird im Text sein diffuser Zustand offenbar, konträr zum Beginn der Geschichte, zu dem Herzog oberflächlich betrachtet noch gut funktioniert, innerlich jedoch verwirrt ist.
Was mit Herzog letztendlich passiert, kann der Leser nur vermuten. Doch zurück bleibt ein bitterer Nachgeschmack, denn Herzogs Verstummen wirkt wie eine Kapitulation und damit bleibt wenig Hoffnung für die, die wie Herzog mit sich und der Welt kämpfen.
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