Zemeckis, Robert: Die Legende von Beowulf
- Geschrieben von Bastian Buchtaleck
Beowulf ganz animiert
Wie die Nibelungensage, die Odyssee oder das Gilgamesch-Epos gehört das englische Heldengedicht „Beowulf“ zu den großen mythischen Erzählungen der Menschheit – obwohl es nicht ganz so weit verbreitet ist. Ursprünglich war die Sage mit Stabreimen in Gedichtform abgefasst, mittlerweile gibt es Umsetzungen in Prosa, als Kinderbuch oder Comic. Komischerweise hat die Filmindustrie den Stoff erst 1995 für sich entdeckt. Den Anfang machte eine Umsetzung von Graham Baker mit Christopher Lambert, der als Highlander über Schwert und Nebelerfahrung verfügte. 2005 folgte ein Film, der den ersten Teil des Epos erzählte, also den Kampf zwischen dem Helden Beowulf und dem Troll Grendel. Passenderweise war der Titel des Films „Beowulf & Grendel“. Mit Gerard Butler hatte dieser Film von Sturla Gunnarsson einen Hauptdarsteller, der zwei Jahre später wieder und erfolgreicher das Schwert schwingen sollte.
Motion-Capture Beowulf
Die jüngste Verfilmung „Die Legende von Beowulf“ erschien 2007 als computeranimierter Film im Kino und braucht für die Auseinandersetzung mit Grendel nur wenige Minuten. Der gestandene Regisseur Robert Zemeckis versucht nicht weniger, als das gesamte Epos in einem Film zu erzählen. Da die zu erzählende Zeit beinahe die gesamte Spanne eines menschlichen Lebens umfasst – Beowulf zieht als junger Mann los, befreit das Land der Dänen von dem Troll Grendel, kehrt heim, regiert bis ins hohe Alter und stirbt im Kampf gegen einen Drachen – sind große erzählerische Lücken nicht zu vermeiden, zumal bei einer typischen Spielfilmlänge von 113 Minuten.
In einem gelungenen Film werden solche Lücken gesetzt, um Raum für eindringliche, intensive Szenen zu schaffen. Dies ist nicht der Fall. Vielmehr huscht der Film über die Erzählung hinweg, als sei sie eine unbedeutende Nebensache. Der Fokus des Films liegt eindeutig auf seiner technischen Umsetzung.
„Die Legende von Beowulf“ wurde mit der Motion-Capture Technik aufgenommen. Hierbei spielt ein Schauspieler zwar vor der Kamera, aber nur für den Computer. Der Schauspieler ist mit vielen weißen Punkten markiert, aus denen eine Software anschließend digitale Figuren animiert. So kann mit den Namen von Starschauspielern wie Anthony Hopkins, Angelina Jolie und John Malkovich geworben werden, obwohl nur deren Stimmen zu hören sind. Sie selber sind in dem Film als digitale Modelle enthalten, es existiert eine gewisse Ähnlichkeit. Gleichzeitig wirkt das Schauspielensemble, als hätte man es mit einer Schicht Latex überzogen. Der Film bleibt abstrakt und fremd, die Figuren oberflächlich.
Warum eigentlich animiert?
Tatsächlich stellt sich die Frage, wieso der Film als Animationsfilm und nicht als normaler Spielfilm ausgeführt wurde. Ein paar schnelle, wirre Kamerafahrten und die Animation Grendels oder des Drachens können kaum die Motivation gewesen sein. Immerhin hatte Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“ schon rund sieben Jahre früher gezeigt, wie sich Realfilm mit animierten Szenen verbinden lässt. Auch die Produktionskosten dürften nicht ausschlaggebend gewesen sein. Mit geschätzten 150 Millionen Dollar kann der Film nicht für sich in Anspruch nehmen, durch die Motion-Capture Technik Geld gespart zu haben.
Letztlich ist wohl das persönliche Interesse des Regisseurs für neue technische Produktionsmöglichkeiten ausschlaggebend. In „Forrest Gump“, für den Zemeckis 1994 mit dem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet wurde, wurde der Hauptdarsteller Tom Hanks in einigen Szenen in ältere Originalaufnahmen reinkopiert. Mit diesem Mix aus Real- und Trickfilm hatte Zemeckis sogar schon seit 1988 Erfahrung. Damals inszenierte er mit „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ einen Mix aus Zeichentrick- und Realfilm, in dem bekannte Trickfiguren mit realen Schauspielern interagierten. Folgerichtig inszenierte er mit „Der Polarexpress“ 2004 den ersten Motion Capture Film überhaupt. „Die Legende von Beowulf“ ist die Fortsetzung dieses Interesses. Alles ist realistischer, opulenter und schlicht mehr.
Leider ist „Die Legende von Beowulf“ trotz aller technischer Neuerungen ein ziemlich langweiliger Film. Vielleicht auch gerade deswegen. Ohne Not wurde die Technik in den Mittelpunkt gerückt, die Erzählung und damit emotionale Momente geraten dadurch in den Hintergrund. Während sich die Umsetzung in den Vordergrund spielt, verliert ein Stoff, der die Menschen mehr als tausend Jahre bewegt hat, seinen Zauber.
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